Fachexkursion des Latein-Kurses nach Güglingen

Das kleine, aber mit zum Teil außergewöhnlichen Exponaten ausgestattete Römermuseum in Güglingen an der Zaber war Ende Mai Ziel einer Fachexkursion des Latein-Kurses in seiner letzten Doppelstunde vor den mündlichen Abiturprüfungen. Wo heute, bedingt unter anderem durch die Stauung in zwei Seen, nur noch ein Bächlein sichtbar ist, floss vor 2000 Jahren so viel Wasser, dass dort Schiffe fahren konnten, allerdings mussten sie von Land aus mit Seilen gezogen werden; vermutlich verrichteten Pferde diese Arbeit des Treidelns. So gelangten kostbare Waren aus dem Mittelmeerraum, z.B. aus Griechenland oder Italien, über die Nordsee, den Rhein, den Neckar und die Zaber bis nach Güglingen. Da die Zaber Richtung Westen nicht weiter schiffbar war, entstand am Umschlaghafen ein kleiner Handels- und Marktort mit Wohn- und Geschäftshäusern, Handwerksbetrieben und den in einer römischen Siedlung üblichen Stätten für die Verehrung von Göttern.
Unter dem Thema ‚Mythos und Götterwelt‘ führte uns der Germanist und Historiker Frank Merkle durch die Ausstellung im Römermuseum. Gleich im Eingangsbereich staunten wir über eine steinerne Darstellung von Szenen aus der homerischen Odyssee, die zu einer römischen Villa aus Güglingen-Frauenzimmern gehörten. Auf einer Reliefplatte waren Odysseus und seine Gefährten gerade dabei, dem Kyklopen Polyphem sein einziges Auge mit einem glühenden Pfahl auszustechen, während sich auf einer anderen Platte eine an den Unterschenkeln gefesselte Gestalt als Odysseus herausstellte, der, an den Mast seines Schiffes gebunden, dem betörenden Gesang der Sirenen lauschte. Die Pferde des Poseidon-Neptun begegneten uns, und es reckte sich uns das Meeresungeheuer Skylla entgegen: Faszinierende Beispiele für die Belesenheit und den Kunstsinn eines Römers aus der Zeit um 200 n. Chr.!


Eine in einem Hausaltar ausgestellte Bronzestatuette des Hermes-Merkur bot Anlass, über seine verschiedenen Funktionen nachzudenken: Er ist Götterbote, aber auch Gott der Händler und der Diebe. Vor einer lebensgroßen Statue des Herakles-Herkules rekapitulierten wir seine Heldentaten als Baby und Kleinkind. Und auf der Nachbildung einer Jupiter-Giganten-Säule sahen wir, wie Jupiter einen Giganten niederreitet, auf dem Sockel darunter befanden sich in eigenen Feldern die sogenannten Wochengötter. Anhand ausgewählter kleinerer oder größerer Skulpturen folgten weitere Einblicke in die religiösen Vorstellungen der Römer, bis wir schließlich im rekonstruierten Kultraum des einen von zwei Güglinger Mithräen in den Kult des Mithras eingeführt wurden, den zumal in unserer Gegend wichtigsten Kult der nicht-christlichen Welt.
Den Abschluss unserer Führung bildeten – ganz im Sinne einer Ringkomposition – erneut die Irrfahrten des Odysseus. Archäologen, klassische Philologen und Historiker haben sowohl in der antiken Literatur als auch sozusagen vor Ort im Mittelmeerraum nach Anhaltspunkten gesucht, um einige Stationen der Odyssee mit konkreten Stätten und Örtlichkeiten verknüpfen zu können. Die Ergebnisse sind in der eigens für Güglingen konzipierten Ausstellung sinnfällig und bestens nachvollziehbar dargelegt.
Mit einem besonderen Dank an den ausgewiesenen Experten Herrn Merkle und die höchst konzentrierten Abiturientinnen und Abiturienten endete die Fachexkursion.
Frank Martin Beck