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Am 17. Mai 1955 war der Gemeinderatsbeschluss zum Schulneubau gefasst worden. Auf die öffentliche Ausschreibung waren nach dem Vorprüfungsbericht des Heilbronner Hochbauamts bis zum Abgabetermin am 17. September 1955 (12.00 Uhr) 39 Arbeiten eingegangen. Weitere drei Vorschläge trafen zwar per Post etwas verspätet ein, da sie aber rechtzeitig aufgegeben worden waren, erkannte man sie als gültig an. Bei der Prüfung der insgesamt also 42 Arbeiten wurde festgestellt, dass bei allen die verlangten Leistungen in der Hauptsache erbracht waren, das Raumprogramm - die Angaben hinsichtlich des umbauten Raums schwankten zwischen 16 880 m3 und 27 527 m3 - im wesentlichen eingehalten worden war. Die "Sitzung des Preisgerichts für den Wettbewerb für den Neubau eines humanistischen Gymnasiums (THG) in HN", so die Formulierung in der Niederschrift, fand am 30. September und am 1. Oktober 1955 unter dem Vorsitz von Professor Karl Gonser, Stuttgart, statt.19) Außer den Preisrichtern nahm zur Beratung, aber ohne Stimmrecht, OStD Dr. Weiss an diesen Sitzungen teil. Nach einem ersten informativen Rundgang durch die im Vortragssaal der Gewerbeschule ausgestellten Wettbewerbsarbeiten und einer eingehenden Besichtigung des vorgesehenen Baugeländes Ecke Karl- und Gymnasiumstraße kam es bei den Rundgängen zur Ausscheidung nacheinander von zunächst fünf, dann zwölf, schließlich weiteren zwölf Arbeiten, so dass nur noch 13 in engster Wahl verblieben.

Nach reiflicher Abwägung der Vorzüge und Nachteile der einzelnen Entwürfe entschied man sich zur Vergabe von drei Preisen und fünf Ankäufen, wobei der Arbeit mit der Kennnummer 5147 (alle Vorschläge waren freilich wie üblich schon bei der Vorprüfung mit Tarnzahlen - hier 5110 bis 5151 - versehen worden) der erste Preis zuerkannt wurde. Von den drei preisgekrönten und fünf aufgekauften Arbeiten kamen vier aus Stuttgart, jeweils eine aus Geislingen bzw. Frankfurt und lediglich zwei aus Heilbronn bzw. Umgebung. Den ersten Preis errang Diplom-Architekt Peter Salzbrenner, damals Stuttgart-Weil im Dorf. Das Preisgericht lobte, dass es dem Verfasser des Entwurfs 5147 gelungen sei, "eine sehr knappe dreigeschossige Anlage dadurch zu erreichen, dass er den Normalklassenflügel abgekehrt von der Karlstraße lostrennt von einem zweigeschossigen Spezialklassenflügel".

Auch die Anlage der Turnhalle mit der organischen Gliederung des verbliebenen Freiraums in Pausenhof und Turnplatz, ebenso der Pausengang mit Aufenthaltsraum fanden beim - Preisgericht einvernehmlich guten Anklang. Abgesehen von kleineren Änderungswünschen, die beim Bau selbst umsetzbar waren, bemängelten die Preisrichter, dass der Verfasser des dann preisgekrönten Entwurfs "leider keinen Gebrauch machte von der sich durch die vorgeschlagene Gliederung der Gebäude anbietenden Gelegenheit, an der Ecke Karl- und Gymnasiumstraße einen günstigen Eingangshof auszubilden".

Was die Mitglieder des Preisgerichts mit der Ausbildung eines "günstigen Eingangshofs" meinten, entzieht sich der Kenntnis des in Architekturfragen unbedarften Verfassers dieses Beitrags. Dass ihm Planung und Ausführung der gesamten Anlage rundum zusagen, sei immerhin angemerkt.

Eine treffliche - wie er selbst sagt – "subjektive Würdigung" unseres Neubaus der fünfziger Jahre liegt von unserem ehemaligen Schüler Dipl. Ing. Dr. Reiner M. Baumann (Niedernhall) vor, abgedruckt im Jahrbuch des Theodor-Heuss-Gymnasiums zum 375-jährigen Bestehen der Schule als Gymnasium.20). Zitiert seien daraus nur zwei Zwischentitel: "Ein modernes Haus für eine Institution mit Tradition" und "Ein Gebäude der neuen Generation an einem traditionsreichen Standort". Titel, die allein schon die Zufriedenheit des heutigen (freien) Architekten mit der Arbeit seines Kollegen vor über 40 Jahren anklingen lassen dürften.

Die bauliche Umsetzung erfolgte in 21 Monaten von 1956 bis 1958 in Zusammenarbeit mit dem städtischen Hochbauamt unter der örtlichen Bauleitung durch das Architekturbüro G. Kistenmacher.

Ein Blick zurück: Der Abbruch der Ruine des Karlsgymnasiums, Planung und Ausführung des Neubaus

Für den 30. September 1945 erwähnt die Heilbronner Stadtchronik21):

Auf dem (ebenfalls) ausgebrannten runden Erker der Ruine des Karlsgymnasiums (Ecke Friedens- und Karlstraße) sei immer noch die Devise "Musis - Patriae – Deo" zu lesen. Die Turnhalle des ehemaligen Karlsgymnasiums (damals noch Karlstraße 42) zwischen den Resten des Karlsgymnasiums (Nr. 40) und denen des ehemaligen Pensionats (Nr. 44) wurde als erste Turnhalle Heilbronns nach dem Krieg damals gerade wiederaufgebaut. Die Giebelwand (Sandsteine) der Ruine des ehemaligen Pensionats, das ja zum Karlsgymnasium gehört hatte, nach der Auflösung von 1922 bis zur völligen Zerstörung 1944 aber recht verschiedenen Zwecken gedient hatte (der "Robert-Mayer-Museum" genannten naturwissenschaftlichen Sammlung, einem Bienenzuchtmuseum und verschiedenen Organisationen der Hitler-Jugend), wurde mit Beschluss des Gemeinderats einem Weingärtner (Ernst Rechkemmer, Wollhausstr. 51) für den Wiederaufbau seines ebenfalls zerstörten Anwesens Ende 1948 überlassen. Die Reste der Sandsteinfassade des Schulgebäudes wurden erst im Sommer 1951 innerhalb von fünf Wochen abgetragen, die Trümmer weggeschafft und der ganze Platz eingeebnet und gewalzt.23) Kaum jemand wollte damals daran glauben, dass wann auch immer später an derselben Stelle wieder ein humanistisches Gymnasium erstehen werde.

In den Jahren, die der Neubenennung am 16. September 1950 folgten, stieg die Schülerzahl kontinuierlich an. Umfasste das Theodor-Heuss-Gymnasium bei der Übernahme der Schulleitung durch Dr. Karl Weiß am 1. August 1951 zwölf Klassen mit zusammen 335 Schülern und Schülerinnen, zählte es 1958, im Jahre der Einweihung des Neubaus bereits 540 Schüler in 18 Klassen (der Anteil der Mädchen belief sich damals auf 27%). Die stete Zunahme der Schülerzahl war ein Grund dafür, dass Schulleitung, Lehrer und Eltern auf ein eigenes Schulgebäude hinarbeiteten. In seiner Rede anläßlich der Einweihung des neuen Gebäudes24) bekannte Weiß, dass ihn von Anfang an die Tatsache erheblich bedrückt habe, das Gebäude am Kaiser-Wilhelm-Platz mit zwei weiteren Schulen teilen zu müssen. "Es schien mir unmöglich, einer Schule unter solcher Voraussetzung ein eigenes Gesicht zu geben." Und so habe er gleich zu Beginn seiner Tätigkeit in Heilbronn damit begonnen, dem Oberbürgermeister und dem Gemeinderat lästig zu fallen mit seinem "ceterum censeo gymnasium esse aedificandum". So gut auch das Einvernehmen mit den Leitern der beiden anderen Gymnasien gewesen sei, so sei doch das "Getriebe eines Ameisenwimmelhaufens" im bisherigen Gebäude nervenzermürbend gewesen. Besonders dankbar zeigte sich Weiß gegenüber dem damals nahezu 79-jährigen Theodor Marstaller, dessen unermüdlichem Bemühen in schwerster Nachkriegszeit das humanistische Gymnasium seinen Wiederaufbau verdanke.

In einem Brief vom 3. Mai 1952 an Oberbürgermeister Meyle25) vermerkt Marstaller selbst (zu diesem Zeitpunkt fast vier Jahre im Ruhestand) zwar seine Genugtuung darüber, dass es ihm vergönnt gewesen sei, 1945 das sieben Jahre zuvor "von roher Gesinnung zertrümmerte altehrwürdige Gymnasium der Stadt wieder allmählich in Lehrern und Schülern zusammenzubringen. Ihm aber eine richtige Heimstätte zu verschaffen, diese kostspielige und wichtige Aufgabe können nur Sie selbst meistern".

Einen weiteren nicht unerheblichen Grund nennt Marstaller in seinem Brief, wenn er schreibt, eine Oberschule müsse ein eigenes Heim haben, wenn sie ihren Erziehungsauftrag erfüllen wolle, nur so könne "der richtige Familiengeist und das Zusammengehörigkeitsgefühl in der Schulgemeinde aufkeimen und gedeihen".

Dass die neugeschaffene Schule, das Theodor-Heuss-Gymnasium, es nicht so einfach hatte, zu einem eigenen Gebäude zu kommen, darauf verweisen mancherlei Korrespondenz, Akten- und Gesprächsnotizen zwischen der Schulleitung und den Elternbeiratsmitgliedern einerseits und der Stadtverwaltung (OB Meyle, Verwaltungsdirektor Maier, Bürgermeister Dr. Nägele) und einzelnen Gemeinderatsmitgliedern andererseits.26) Hierbei ging es im wesentlichen um die Notwendigkeit und Dringlichkeit eines eigenen (Neu-) Baus für die Schule und die Vorrangigkeit bei der Durchführung des städtischen Schulbauprogramms. Verständlich wird das Zögern von seiten der Stadt angesichts der vielfältigen Wiederaufbaumaßnahmen.

Was den Schulbereich angeht, da konnte Meyle anlässlich der Einweihung des Theodor-Heuss-Gymnasiums 1958 mit Genugtuung verkünden, dass es der Stadt bis dahin gelungen sei, alle Schulen, die kriegszerstört gewesen waren, wiederaufzubauen, inklusive von Neubauten insgesamt zwölf.

Mit dem Gemeinderatsbeschluss vom 17.Mai 1955 war zwar die Entscheidung zum Neubau gefallen, nicht jedoch die hinsichtlich des Standortes. Zwar sah man von vorneherein den Platz des alten Karlsgymnasiums dafür vor, doch stellten sich bald Bedenken ein. Gründe dafür waren, dass man einerseits befürchtete, der Platz sei nicht groß genug, weil ja an der Stelle der heutigen Hausmeisterwohnungen (Karlstraße 42) die erste Nachkriegsturnhalle errichtet worden war, andererseits wegen der erwarteten Fundamentierungskosten (ca. DM 200 000) mit einer zu großen Steigerung der Gesamtkosten rechnen musste. Gestützt waren diese Befürchtungen auf die Erfahrungen beim Bau des Elly-Heuss-Knapp-Gymnasiums (DM 170 000 Fundamentierungskosten), das zwei Jahre zuvor (am 22. Mai 1953) eingeweiht worden war und seit seiner 75-Jahr-Feier (Oberschule für Mädchen) im Herbst 1954 den Namen EHKG trägt. Wegen des Baugrunds größtenteils auf dem ehemaligen Mönchsee-Auffüllungsgelände waren dort diese Fundamentierungskosten angefallen. Fünf Schürfgruben auf dem Gelände des ehemaligen Karlsgymnasiums ergaben nahezu dieselben Bodenverhältnisse.

Die Niederschrift über die Verhandlungen der Bauabteilung vom 7. Juni 1955 27) zeigt die Ausweichversuche: Gedacht wurde da an einen Platz Ecke Moltke- und Goethestraße. Dieser gehörte zwar dem Finanzamt, da dieses aber nach Möglichkeit in der Nähe des Neckars bauen wollte, glaubte man durch einen Tausch für ein städtisches Grundstück an der Rosenbergbrücke (auch dieser Platz an der Südstraße wurde für den Schulneubau ins Gespräch gebracht, aber wegen der abseitigen Lage bald wieder verworfen) beiden Seiten dienlich sein zu können. Durch die ruhigere Lage und den in der Nähe liegenden Sportplatz erhoffte man sich für die neue Schule eine bessere Situation als an der Karlstraße. Zudem hätte man nicht an den Abriss der Turnhalle denken brauchen. Unter einem gewissen zeitlichen Druck stand man zusätzlich deswegen, weil der Verteilungsmaßstab für die Staatszuschüsse bei Schulbauten geändert worden war. Um diese Zuschüsse nicht zu verlieren und damit finanzielle Nachteile für die Stadt zu vermeiden, wollte man im vorgegebenen Terminplan bleiben.

Hinzu kamen Überlegungen des Elternbeirats 28), der schon ein Jahr zuvor dafür plädiert hatte, das neue THG nicht auf dem Gelände seines Vorgängers zu errichten: weil es an einem genügend großen Schulhof fehle, zudem kaum eine ansprechende Lösung für die Schulanlage zu finden sein dürfte, weil die Gymnasiumstraße in stumpfem Winkel auf die Karlstraße treffe. Wegen der erstrebten zentralen Lage ("viele Schüler kommen von auswärts") schlug man den Kaiser-Wilhelm-Platz vor, der bis auf das Mittelstück im Besitz der Stadt war (und ist). Das Gebäude sollte im rechten Winkel zum Robert-Mayer-Gymnasium gestellt werden ("nach Westen verschoben, in geringem Abstand von der verlängerten Keplerstraße"). Bei dieser Lösung hätten die Klassenzimmer zu einem großen Teil Licht von Osten und den Ausblick auf die bestehende Grünanlage.

Nachdem sich durch Bodenuntersuchungen herausgestellt hatte, dass der zwischenzeitlich ins Auge gefasste Platz Ecke Moltke- und Goethestraße kaum besser war als der des ehemaligen Karlsgymnasiums, entschied man sich für diesen und nahm den Abbruch der Turnhalle in Kauf. Da man die Turnhalle möglichst lange nutzen wollte, kam es erst Ende 1957/Anfang 1958 zum Abriss 29), obwohl mit dem langersehnten Bau bereits am 21. Juli 1956 begonnen worden war. 30) Nicht mit dem traditionellen Spatenstich wurde der Bau begonnen, sondern "mit dem dröhnenden Einrammen von Tragpfählen in den weichen Grund des ehemaligen Mönchsees" 30). Nach der Schlussansprache von Dipl.Architekt Salzbrenner anlässlich der Einweihung der Schule waren es insgesamt 170 Pfähle (mit einer Tragkraft von 100 Tonnen) mit teilweise 16 m Länge, die als Fundamentierung eingerammt werden mussten.31) Nach 10 1/2 Monaten Bauzeit wurde am 31. Mai 1957 das Richtfest gefeiert. Salzbrenner errechnete eine Gesamtarbeitszeit am Bau von 372 Arbeitstagen, zieht man von der Gesamtbauzeit von 20 Monaten und acht Tagen je 90 Sonntage und Samstage, 18 Feiertage, 20 Frosttage und zwölf Regentage ab.

Da es nicht Aufgabe dieses Beitrags sein kann, den Bauverlauf im einzelnen zu verfolgen und das Bauwerk als solches en détail zu beschreiben, bleibt abschließend nur anzumerken, dass es trotz eingehender Debatten wegen befürchteter Überschreitungen des Kostenvoranschlags 32) dieser (3,2 Millionen) eingehalten werden konnte. Traut man einer Meldung des Neckar-Echos 33), wurde dieser sogar um DM 145 000 unterschritten.

Wie sehr man damals auch von seiten der Stadt bei den Ausgaben haushalten musste, mag man daran ermessen, dass OB Meyle die Richtfestkosten mit DM 1412 zu hoch vorkamen (man vergleiche mit derartigen Anlässen heute) und er für die Zukunft mehr Bescheidenheit anmahnte.